Selbstwert und Selbstzweifel – was kann dahinterliegen?

Selbstzweifel kennt vermutlich jeder Mensch. Sie können vor wichtigen Entscheidungen auftreten, in Beziehungen, im Beruf oder in Situationen, in denen wir uns mit anderen vergleichen. Manchmal verschwinden sie wieder. Manchmal werden sie jedoch zu einem wiederkehrenden inneren Thema.

Dann kann sich beispielsweise das Gefühl einstellen, nicht gut genug zu sein, besonders viel leisten zu müssen oder den Erwartungen anderer nicht zu entsprechen. Auch Anerkennung von außen verändert dieses Gefühl mitunter nur kurzfristig.

Aus psychoanalytischer Perspektive lohnt es sich deshalb, Selbstzweifel nicht nur als negatives Denken zu betrachten. Sie können mit Erfahrungen, inneren Ansprüchen und Beziehungsmustern zusammenhängen, die sich im Laufe des Lebens entwickelt haben.

Was verstehen wir unter Selbstwert?

Unser Selbstwert beschreibt vereinfacht gesagt, wie wir uns selbst erleben und welchen Wert wir uns zuschreiben. Dieses Erleben ist jedoch nicht konstant.

Manche Menschen fühlen sich in bestimmten Lebensbereichen sicher und kompetent, erleben sich in anderen Situationen jedoch schnell als unzureichend. Besonders deutlich kann das werden, wenn wir kritisiert werden, scheitern, zurückgewiesen werden oder das Gefühl haben, Erwartungen nicht zu erfüllen.

Der eigene Selbstwert entsteht dabei nicht unabhängig von anderen Menschen. Von Beginn an entwickeln wir Vorstellungen darüber, wie wir gesehen werden, was von uns erwartet wird und unter welchen Bedingungen wir Anerkennung oder Nähe erfahren.

Woher können starke Selbstzweifel kommen?

Es gibt darauf keine allgemeingültige Antwort. Ähnliche Selbstzweifel können bei verschiedenen Menschen ganz unterschiedliche Bedeutungen haben.

Manchmal spielen hohe Erwartungen eine Rolle. Wer früh gelernt hat, Anerkennung besonders über Leistung, Anpassung oder Verantwortungsübernahme zu erhalten, kann später einen hohen inneren Maßstab entwickeln.

Dann kann selbst objektiver Erfolg kaum ausreichen. Statt Zufriedenheit entsteht schnell die Frage: War das wirklich gut genug?

Bei anderen Menschen zeigen sich Selbstzweifel besonders in Beziehungen. Die Sorge, nicht interessant, liebenswert oder wichtig genug zu sein, kann dazu führen, dass die Reaktionen anderer sehr genau beobachtet werden.

Selbstwertprobleme können deshalb eng mit Beziehungskonflikten und wiederkehrenden Mustern verbunden sein.

Warum hilft Anerkennung von außen manchmal nur kurzfristig?

Wenn Selbstzweifel lediglich durch fehlende Anerkennung entstehen würden, müsste ausreichend positives Feedback sie dauerhaft beseitigen.

In der Realität funktioniert das häufig nicht so einfach.

Ein Kompliment, ein beruflicher Erfolg oder die Bestätigung eines anderen Menschen können zwar kurzfristig beruhigen. Wenig später taucht möglicherweise wieder Unsicherheit auf.

Aus psychoanalytischer Sicht kann das damit zusammenhängen, dass bestimmte Vorstellungen über uns selbst bereits tief verankert sind. Neue Erfahrungen werden dann unbewusst durch diese bestehenden inneren Bilder bewertet.

So kann jemand beispielsweise viel Anerkennung erhalten und sich dennoch innerlich als unzureichend erleben.

Der innere Kritiker und hohe Ansprüche

Viele Menschen beschreiben eine ausgesprochen kritische innere Stimme.

Fehler werden streng bewertet, Erfolge relativiert und die eigenen Leistungen mit besonders hohen Maßstäben verglichen. Was bei anderen Menschen vollkommen akzeptabel erscheint, wird bei sich selbst als unzureichend erlebt.

Solche inneren Ansprüche können durchaus antreibend wirken. Sie können aber auch dazu führen, dass kaum ein Gefühl entsteht, wirklich angekommen oder zufrieden zu sein.

Interessant ist deshalb nicht nur die Frage, wie man diese Gedanken loswerden kann, sondern auch, woher diese inneren Maßstäbe kommen und welche Funktion sie möglicherweise haben.

Selbstzweifel in Beziehungen

Auch Beziehungen können den eigenen Selbstwert stark berühren.

Vielleicht entsteht schnell die Sorge, verlassen oder abgelehnt zu werden. Vielleicht fällt es schwer, eigene Bedürfnisse zu vertreten oder Grenzen zu setzen. Andere Menschen wiederum ziehen sich zurück, wenn Nähe entsteht, weil eine mögliche Zurückweisung besonders bedrohlich erlebt wird.

Dabei können sich bestimmte Beziehungserfahrungen immer wiederholen.

In meinem Artikel „Warum wiederholen sich Beziehungsmuster?“ gehe ich ausführlicher darauf ein, weshalb wir trotz guter Vorsätze immer wieder in ähnliche Beziehungssituationen geraten können.

Selbstwert aus psychoanalytischer Perspektive

Eine psychoanalytisch orientierte Psychotherapie versucht deshalb nicht einfach, negative Gedanken durch positive Gedanken zu ersetzen.

Gemeinsam kann vielmehr untersucht werden, wann Selbstzweifel besonders stark auftreten, welche Erwartungen dabei eine Rolle spielen und welche Erfahrungen oder inneren Konflikte damit verbunden sein könnten.

Dabei können auch Widersprüche sichtbar werden: Vielleicht gibt es den Wunsch nach Anerkennung und gleichzeitig die Schwierigkeit, Anerkennung wirklich anzunehmen. Vielleicht besteht der Wunsch nach Nähe, während Abhängigkeit zugleich Angst macht.

Solche Zusammenhänge werden häufig nicht durch eine einzelne Erkenntnis verändert. Sie können jedoch im Laufe der therapeutischen Arbeit zunehmend verständlich werden. Mehr dazu, warum Einsicht allein nicht immer zu Veränderung führt, beschreibe ich im Beitrag „Warum ist Veränderung schwierig, obwohl man sein Problem versteht?“

Ein differenzierteres Verhältnis zu sich selbst entwickeln

Das Ziel muss dabei nicht darin bestehen, niemals mehr an sich zu zweifeln.

Zweifel gehören zum menschlichen Erleben und können durchaus hilfreich sein. Belastend werden sie insbesondere dann, wenn sie das eigene Leben stark bestimmen, Entscheidungen erschweren oder dazu führen, dass der eigene Wert ständig von Leistung oder der Reaktion anderer Menschen abhängig erscheint.

Psychotherapie kann einen Raum bieten, diese Muster genauer zu betrachten und nach und nach ein differenzierteres Verständnis für sich selbst zu entwickeln.

Psychotherapie bei Selbstzweifeln in 1130 Wien

In meiner Praxis in Wien-Hietzing arbeite ich psychoanalytisch orientiert mit Erwachsenen und Jugendlichen. Wenn Selbstzweifel, hohe Ansprüche oder wiederkehrende Beziehungsmuster Sie beschäftigen, können wir in einem Erstgespräch gemeinsam besprechen, ob eine psychoanalytisch orientierte Psychotherapie für Sie passend sein könnte.

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